Trockenheit

Ein rekord-trockener Sommer, grosse Feuer und Ernteausfälle – die Erde zeigt uns ein Gesicht, das wir uns wenig oder gar nicht gewohnt sind. Was machen wir damit?

Anfang Juli gehe ich jeweils mit einer Gruppe meiner SAC-Sektion für eine Woche in die Berge. Ich geniesse Hochtouren, Klettern in Fels und Eis, Aussichten und immer wieder Momente, in denen ich mich überwinden muss – gerade dann, wenn ich der erste am Seil bin. Dieses Jahr waren wir im Gebiet Windegg-, Trift- und Gelmerhütte zwischen Gadmertal und Grimsel unterwegs. Vor etwa 35 Jahren war ich schon einmal dort beim Bergsteigen. Noch selten ist mir aufgefallen, wie stark die Gletscher geschmolzen sind und in Schnelle wegschmelzen.

Szenenwechsel: Auch jeden Sommer bin ich zusammen mit meiner Frau Christina bei ihrer Mutter in Michigan, in den USA. Wir machen Unterhaltsarbeiten in Haus und Garten und schauen, dass sie weiterhin gut alleine ihren Haushalt führen kann. Bereits am zweiten Tag konnten wir kaum mehr nach draussen. Der Rauch von den Waldbränden in Kanada, viele hundert Kilometer entfernt, war beissend und liess einen nur mit Maske Aussenarbeiten machen.

Die Nachrichten aus der Heimat liessen mich je länger je weniger ruhig. Anfänglich noch beschwichtigend «Ja – es war früher auch schon heiss und trocken» kamen immer mehr auch sorgenvolle Gedanken. Dass eine Heuernte weniger gemacht werden kann, lässt sich vielleicht überbrücken, doch wenn ganze Kartoffelernten ausfallen? Die Folgen der Hitze und Trockenheit für ältere Menschen, für jene mit Einschränkungen, Krankheiten und ihre Angehörigen?

Ich ertappe mich, wie ich mich und meine Lebenserfahrung, aber auch meine Lebensweise zum Massstab mache. «Wenn ich es noch aushalte, dann wird es nicht so schlimm sein…» – Doch gehe ich diesem Gedanken nach, entdecke ich, dass es eine «Entlastungsübung» ist: im Grunde bin ich verunsichert und weiss auf diese Ereignisse keine wirklich guten Antworten. Es ist, als ob ich die Ernsthaftigkeit abschwächen will, damit ich die Situation ertragen kann.

«Zeichen der Zeit» – genau! Das ist es! Geht mir beim Schreiben durch den Kopf. Was uns in der Welt begegnet, was uns und viele berührt, sind in der Katholischen Soziallehre solche «Zeichen» – und wir sind eingeladen zu fragen, was uns dies mit Bezug auf unsere Werthaltungen sagen könnte.

Ich erinnere mich an die Enzyklika Laudato si. Darin sagt Papst Franziskus, dass die Sorge für das «Haus Erde» sowohl Engagement für die Erde (Umwelt, Klima) wie auch für die benachteiligten Menschen umfassen muss.

Und die Hochtourenwoche? Wenn ich als Seilführer gehe, braucht es ab und zu Überwindung bei einer herausfordernden Stelle, aber auch Rücksicht für die andern am Seil. Ich zähle nicht allein, sondern alle miteinander.

Wieder zu Hause, wenn es wieder geregnet hat und die Temperaturen erträglicher sind, will ich nicht gleich zur Tagesordnung übergehen. Ich will mich vermehrt fragen, welche Route ich im Alltag wähle, wo ich einen Akzent setze, verzichte – aber auch, wo ich mich gesellschaftlich einsetze – für die Umwelt, für die benachteiligten Menschen. Denn wie uns die KAB-Tradition lehrt: nebst dem persönlichen Engagement gilt es immer auch ein Auge auf die Strukturen zu haben und diese so zu verändern, dass sie dem «Haus Erde» und den Menschen dienen.


Thomas Wallimann, Leiter «ethik22»