Unter dem Motto „Weichenstellung“ wurden letztes Jahr in Lenzburg tatsächlich Weichen gestellt. Die GV hat dem Konzept „KAB Schweiz 2026 plus“ mit 25 Ja bei 8 Enthaltungen zugestimmt. Die Enthaltungen interpretiere ich als Skepsis gegenüber einem Vorhaben mit vielen Ungewissheiten. An der GV vom 24. Oktober in Zürich machen wir Halt an der Zwischenstation namens „Generalversammlung 2026“. Um im Bild zu bleiben: Sind Reisewillige in den Zug Richtung Neuorientierung/Umgestaltung eingestiegen? Ist das Rollmaterial top ausgestattet und – das vor allem – speist die Fahrleitung ausreichend Energie ein?
Warum ist die Generalversammlung wichtig, welche Chancen (und Stolpersteine) bietet sie? Der Ablauf folgt den Statuten. Die Traktandenliste vom Vorjahr kann fast unverändert übernommen werden. Sektionen entsenden Delegierte, Direktmitglieder nehmen ihre Mitgliederrechte selbst wahr. Somit alles routiniert und zum Gähnen langweilig? Oder könnte es auch inspirierend und überraschend offen für Neues sein?
Nach Art. 64 ZGB ist die Mitgliederversammlung das oberste Organ des Vereins. Sie hat das Sagen. Im wirklichen Leben ist es meist so, dass der Vorstand die Weichen stellt und die GV ohne grosse Diskussion zustimmt nach dem Motto „Die machen es schon recht“. Wobei im Hinterkopf vielleicht der Gedanke sitzt „Wenn ich mich kritisch zu Wort melde oder einen Vorschlag einbringe, müsste ich mich allenfalls selbst engagieren“. An jeder GV hat der Vorstand Rechenschaft abzulegen. Jahresbericht, Rechnung, Budget, Wahlen, Ausblick sind die Stichworte. Spätestens beim Traktandum Umfrage folgt der Dank für geleistete Arbeit. Die Anerkennung tut jedem Vorstand gut.
Mit-Träger und Mit-Trägerin sein
Ich spinne den Gedanken weiter: Wertschätzung erlebt ein Leitungsteam vor allem dann, wenn die Mitglieder auf Berichte eingehen, sie aufmerksam lesen, nachfragen und kreative Vorschläge machen. Dadurch werden sie zu eigentlichen Mit-Trägern und Mit-Trägerinnen des Verbandes KAB Schweiz. Sie begnügen sich nicht mit Durchwinken. Die GV bietet viele Gelegenheiten für den Dialog zwischen Basis und Vorstand. Sie sollen genutzt werden.
Seit den 90er-Jahren war ich an fast allen DV dabei. Intensive, ja heftige Diskussionen gab es praktisch nur beim Sektionsbeitrag und beim (schwer durchsetzbaren) obligatorischen Abonnement der Zeitung „Treffpunkt“. Programmatische Diskurse im Sinne von „In dieser Richtung soll sich die KAB bewegen! Dafür soll sie sich stark machen!“ waren selten. Auf der Basis des Konzepts „KAB Schweiz 2026 plus“ soll dies anders werden. Wichtig dabei ein prägnanter Leitgedanke für unser Tun, etwa: „Christliche Sozialethik. In die Gesellschaft hineinwirken. Lebensnah.“

GV-Teilnahme ist Engagement
Selbst bei einem ideell orientierten Verband braucht es gute Gründe, um Mitglieder zu bewegen, sich als Delegierte Zeit zu nehmen und hinzureisen. Ein solcher Grund kann ein umstrittenes, heisses Geschäft sein. Motivierend ist auch ein sog. Mehrwert. Gemeint ist ein Angebot, das über das Geschäftliche hinausgeht und die eigene Weltsicht bereichert. Im letzten Jahr war es der Austausch über „Werte im Politalltag“ zwischen einer Mitte-Nationalrätin und einem SP-Regierungsrat, moderiert vom Leiter ethik22. Heuer steht die Meinungsbildung zur Abstimmung über die Kriegsmaterialausfuhr im Zentrum. Ein Nationalrat der Grünen wird uns seine Argumente näherbringen und sich unseren Fragen aussetzen.
„Damals noch mit Bundesrat“
In Heft 1 der Jubiläumsschrift „100 Jahre KAB Schweiz“ findet sich unter diesem Randtitel ein Foto der DV 1981 in Freiburg. Das Besondere: In der Mitte der ersten Sitzreihe Bundesrat Kurt Furgler und Nationalratspräsident Laurent Butty, flankiert von KAB-Zentralpräsident Hans Bussmann und Vizepräsidentin Hedy Jager. Zwei Dinge fallen auf: Offensichtlich hatte KAB Schweiz bis in die 80er Jahre Gewicht in der Öffentlichkeit und – im Vergleich zu heute – waren damals Politgäste ausserhalb der Christlichsozialen bzw. der CVP kaum denkbar.

Die DV im Zwei-Jahres-Turnus waren Grossereignisse und verlangten vom Verbandssekretariat enormen Einsatz. Ich erinnere mich an Bilder von Kantonsfähnchen auf den Tischen und an die zahlreichen Infostände der Ressorts: Sozialinstitut, Treffpunkt, Brücke der Bruderhilfe, Soziales + Politik, Reisen. Gelegentlich war auch „fortlaufender Erfolg“ zu beobachten, da nicht jedermann bis zum Schluss ausharrte. Das ist Vergangenheit, die KAB ist kleiner geworden an Sektionen und Mitgliedern, notgedrungen auch schlanker in der Organisation und bescheidener im Auftreten. Gleich geblieben ist der Zweck der GV: Rechenschaft ablegen, Ausblick und Ermutigung, Austausch und Selbstvergewisserung.
Langweilig wird’s nicht
Ein zentraler Punkt der Geschäftstraktanden ist die Umsetzung des Konzepts „KAB Schweiz 2026 plus“. Ich empfehle, dessen Inhalt im Jahresbericht 2024/25 nochmals zu reflektieren. Geradezu brennend ist das Traktandum Finanzen. Unsere Geldmittel kommen aus fünf Quellen, nämlich Sektionsbeiträge, Direktmitgliederbeiträge, Von-Fall-zu-Fall-Projektbeiträge Dritter, Spenden, Vermögensverzehr (dieser ist Ende 2027 erschöpft). Schliesslich Personelles: Es gilt, verdiente Chargierte zu verabschieden und neue zu wählen.
Meine Vision für den 24. Oktober: Ein voller Saal mit Delegierten aller Sektionen samt Direktmitgliedern, die Anregungen und Vorschläge im Gepäck haben und damit unserer Neuausrichtung/Umgestaltung weiter Rückenwind geben. Als Mit-Träger und Mit-Trägerinnen eingeladen sind alle Interessierten, vor allem jene 71 Frauen und Männer, die unserem Spendenaufruf gefolgt sind. Es soll eine „GV der Kür“ werden.
Norbert Ackermann, Co-Präsident KAB Schweiz