In seiner ersten Enzyklika braucht Papst Leo XIV diese beiden Bilder aus dem Städtebau, um zu zeigen, wie wir Menschen angesichts der grossen Herausforderungen und Faszinationen rund um die Künstliche Intelligenz handeln können und sollen. Bewusst sieht er dies als Fortschreibung der Katholischen Soziallehre – der Anfänge auch der KAB – und er legt ein besonderes Gewicht auf die Rolle von Künstlicher Intelligenz im Krieg und damit die Bedeutung des Friedens für die Welt.
Schon länger wurde diese Enzyklika erwartet, und man wusste auch, dass sich Papst Leo, der u.a. auch Mathematik studiert hatte, mit der «Künstlichen Intelligenz» beschäftigen wird. Da er vor etwas mehr als einem Jahr mit seinem Namen «Leo» bewusst auch an seinen Namensvorgänger, Leo XIII, den «Begründer» der Katholischen Soziallehre erinnern wollte, war klar, dass sich diese erste Enzyklika in dieser Tradition sehen will. Und das tut sie auch.
Fortschreiben der Tradition
Papst Leo sieht die Soziallehre als eine «Hilfe für die gemeinsame Entscheidungsfindung» (Nr. 24). Ziel dieser Entscheidungen ist das Wohl aller Menschen, ja der ganzen Schöpfung. Ausführlich schildert er darum die Geschichte der Katholischen Soziallehre seit seinem Namensvorgänger Leo XIII. Dass er in diesen historischen Zeilen die Mitwirkung der theologischen Wissenschaften wie auch der Arbeiterbewegungen nicht wirklich würdigt, ist etwas schade, denn die Sozialenzykliken wurden nicht einfach von den Päpsten allein geschrieben.
Bevor er sich dann seinem Kernthema, der Künstlichen Intelligenz, zuwendet, erläutert er im zweiten Kapitel die Prinzipien der Soziallehre. Die Würde des Menschen ist die Basis – gemeinhin als Personalitätsprinzip bekannt. Anschliessend betont er die zentrale Bedeutung des Gemeinwohls und der Subsidiarität. Ungewohnt – und nicht wirklich gut nachvollziehbar – ist seine Aufteilung der Solidarität in eine Form der Nächstenliebe (Solidarität) und der sozialen Gerechtigkeit (Sorge für die Benachteiligten). Auch der Sorge für die Schöpfung im Gefolge von Papst Franziskus scheint er weniger Gewicht zu geben.
Entscheidend ist das Menschenbild
Technik – und somit auch die Künstliche Intelligenz – sind für Leo XIV nicht einfach schlecht, aber auch nicht moralisch neutral! Es braucht darum nicht nur Regulierungen, wie wir mit dieser Technologie umgehen, sondern auch, wie wir sie überhaupt herstellen bzw. wie wir sie konzipieren und mit welchen Daten und Regeln wir diese Maschinen arbeiten lassen. Wollen wir alles im Griff haben und selber Gott sein – wie beim Turmbau zu Babel? Oder wollen wir – wie in der Geschichte des Wiederaufbaus von Jerusalem beim Propheten Nehemia – miteinander, subsidiär und solidarisch an der Zukunft arbeiten?

Diese Frage ist zentral. Darum übt Leo denn auch Kritik an der Machtfülle einzelner Unternehmer und Konzerne. Nicht mehr die Staaten verfügen über die grösste Macht, sondern nur wenige Unternehmen. Diese Machtfülle gilt es kritisch zu sehen – denn die KI führt zu neuer Sklaverei – bei jenen, die für diese Unternehmen für Hungerlöhne arbeiten und die Maschinen trainieren, aber auch für jene, die unwissentlich Daten preisgeben und so ihre Freiheit riskieren.
Hier betont Papst Leo nicht nur die Solidarität und soziale Gerechtigkeit als zentrale Wegweiser, wie wir nicht nur mit KI umgehen, sondern auch an welchen Massstäben die Entwicklung von KI gemessen werden soll. Fast noch bedeutsamer ist, wie der Papst die Macht einiger weniger Privatpersonen und global wirkender Unternehmen kritisch erwähnt und dabei das Subsidiaritätsprinzip als Korrektiv einbringt.
Denn dieses Prinzip ist kritisch gegenüber allen zentralisierten Machtansammlungen, da es die Handlungskompetenzen so weit wie möglich den unteren Ebenen in der gesellschaftlichen Ordnung zuweisen will. Die Handlungshoheit soll bei den Menschen und Gruppen belassen werden – nur wenn diese ihre Aufgaben nicht leisten können, müssen übergeordnete Instanzen helfend eingreifen. Machtkonzentrationen werden entsprechend als Gefahr für die menschliche Freiheit gesehen.
Gegen Kriege aller Art – für Frieden
Angesichts der Schwächung internationaler Zusammenarbeit und des Machtgehabes vieler Regierungen erinnert Leo daran, dass Krieg keine Normalität ist, und es nicht sein kann, dass man Kriege nicht mehr mit der Absicht zu siegen führt, sondern um Macht und Profite zu machen. Besonders gilt diese Kritik der Rüstungsindustrie und dem Waffenhandel. Doch durch die KI droht zusätzlich die grosse Gefahr, dass Entscheide nicht mehr von Menschen, sondern von Maschinen gefällt werden – und diese über Tod und Leben entscheiden.
Hier hebt Leo hervor, dass Friede nicht einfach ein Thema unter vielen ist, sondern «eine Voraussetzung für das globale Gemeinwohl und ein Prüfstein für die moralische Reife der Völker, insbesondere jener, die Regierungsverantwortung tragen.» (vgl. Nr. 182). Dass hier der US-amerikanische Papst den aktuellen US-Präsidenten im Blick hat, darf wohl ohne Zögern angenommen werden.
Frieden aufzubauen vergleicht der Papst mit der Geschichte des Wiederaufbaus von Jerusalem, während die Kriegs- und Machtlogik dem Turmbau zu Babel ähneln. Menschlich zu bleiben ist Voraussetzung für eine Stadt des Friedens. Diesen langsamen, geduldigen, aber umso bewussteren Aufbau nennt er Baustelle der Hoffnung und «Zivilisation der Liebe» (Nr. 185). Diese Beschreibung des Einsatzes für den Frieden entlehnt er bei Papst Paul VI, der ihn angesichts des globalen Wettrüstens 1970 erstmals verwendet hatte.

Damit diese Hoffnung leben kann, braucht es kritisches Denken, ein Herz, das sich hingibt, und ein Gewissen, das das Gute erkennt – alles Dinge, die keine künstliche Intelligenz schafft.
Wer die KAB kennt, weiss, dass sie mit ihrem Bildungsauftrag, aber auch ihrer Verwurzelung in Glaube und Hoffnung sowie dem solidarischen Engagement genau hier weiterhin gefordert ist – und dringend gebraucht wird.
Thomas Wallimann, Präses KAB Schweiz, Leiter «ethik22»