Wie die Heiligen Drei Könige ihre Gaben bringen, erinnert Schenken daran, dass Geben mehr ist als Tausch – es ist Ausdruck von Beziehung, Anerkennung und moralischer Verpflichtung.
Eine Gesellschaft, die nicht mehr schenkt, erkaltet. Weil sie dann alles auf den vernünftigen Tausch reduziert, auf Kauf und Verkauf. Helfen als moralische Pflicht geht dann verloren.
Schenken ist eine der ältesten menschlichen Praktiken in allen Kulturen und seit langer Zeit. Der französische Soziologe und Ethnologe Marcel Mauss legte in den 1920er-Jahren mit seiner Studie „Die Gabe» den Grundstein für ein tieferes Verständnis dieses Phänomens.
Die Grundlagen
Mauss beschreibt den Austausch in archaischen Gesellschaften als ein gesellschaftliches Geschehen, das weit über rein wirtschaftliches Tauschen hinausgeht. Seine zentrale Erkenntnis: Auch die scheinbar freie Gabe, das Geschenk oder die Spende, ist Teil einer Tauschbeziehung, denn eine Gabe muss mit einer Gegengabe erwidert werden – manchmal sofort, manchmal erst Monate später. Beim Geben gibt man einen Teil von sich, und im Nehmen des Geschenks erfährt man den anderen Menschen.
Die moralische Dimension des Schenkens I
Bereits in archaischen Gesellschaften hatte die Gabe also eine moralische Dimension. Mit der Annahme verpflichtet man sich, zurückzugeben – auf die eine oder andere Weise „Danke» zu sagen. Darin zeigt sich die Pflicht, zur Gemeinschaft Sorge zu tragen, füreinander da zu sein.
Soziale Bedeutung: Zusammengehörigkeit und Anerkennung
Beim Schenken bringt man sich selbst ein, sagt etwas über sich selbst aus, zeigt, wer man ist – aber man zeigt auch, dass man miteinander verbunden ist. Bei uns gehört es sich zum Beispiel, ins Café zu gehen – was für viele nicht erschwinglich ist. Wenn eine finanziell weniger gut gestellte Kollegin eingeladen wird, ist das für sie relativ viel. Gleichwohl lässt man sich von Zeit zu Zeit von ihr einladen. Man merkt, wie sie Anerkennung erfährt, wenn man „Danke» sagt. Schenken heisst auch, sich als eigenständige Person zu zeigen.
Die moralische Dimension des Schenkens II
Oft besteht die Vorstellung, es gehe darum, zu geben, ohne etwas zu erwarten. Das gibt es natürlich auch, aber die Situation ist vielschichtiger. Denn selbst die Tradition im Christentum oder Islam, Almosen zu geben, hängt damit zusammen, dass man sich erlöst, gerettet weiss und aus diesem Status heraus – aus Dank! – geben kann und soll.
Nebst dieser religiösen Begründung gibt es aber noch jene über den Weg der Pflicht zur Hilfe. Es ist weitgehend unbestritten, dass man moralisch verpflichtet ist zu helfen, wenn man kann. Schenken und Geben sind ein Ausdruck dieser moralischen Pflicht. Die Frage ist dann nicht, ob man geben muss, sondern wem und wie viel.
Schenken als Tugend
Als Tugend lässt sich Schenken mit der Grosszügigkeit verbinden. Diese kennt eine gute Mitte, dann ist sie weder Verschwendung noch nackte Naivität. Beide Extreme sind nämlich problematisch. Deshalb dürfen wir, auch wenn wir grosszügig sind, immer auch unseren Kopf einschalten und über das richtige Mass nachdenken. Wir dürfen wissen, wofür wir dankbar sind und warum und wofür wir teilen oder spenden.
Wirkungsorientiertes Schenken und Spenden
Berührt von der Not orientiert sich der sog. effektive Altruismus an der Wirksamkeit von Spenden. Man möchte mit den knappen Mitteln den grösstmöglichen, guten Nutzen erzielen. Die kritische Frage an diese Haltung geht so: Als Christ:innen wissen wir, dass uns die Erlösung unverdient und ohne Vorleistung geschenkt ist, einfach so. Wir nennen dies Gnade. Deswegen können wir kritisch fragen: Muss gerade Schenken, wenn an Gnade orientiert, immer messbar, vernünftig und wirksamkeitsorientiert sein? Werden wir dadurch nicht am Ende berechnend und kühl? Und weiter gedacht: Wenn Gott auf den Nutzen seiner Gnadengeschenke bei uns Menschen schauen würde, würde er uns dann weiterhin unterstützen?
Das rechte Mass
Schenken und Geben ist komplexer als uns auf den ersten Blick scheint. Es verbindet uns Menschen und sagt etwas darüber, wie wir das Zusammenleben gestalten. Wir bringen damit zum Ausdruck, wie wir Beziehung sehen und Anerkennung zeigen.
Doch wenn das Geschenk zu gross wird und in keinem vernünftigen Verhältnis zur Beziehungsform steht, fühlen wir uns unwohl, werden vielleicht sogar misstrauisch. Man kann in diesem Sinn auch „falsch» schenken, nicht der Beziehung entsprechend. Und man kann Abhängigkeiten schaffen. Wir sprechen dann von Korruption.
Spenden als Beziehungsspiegel
Wie bereits Marcel Mauss gezeigt hat, hat das Geschenk nicht nur eine materielle Dimension, sondern auch eine symbolische. Das 0815-Geschenk steht dann eben auch für eine 0815-Beziehung. Und doch nicht immer…
Eine Kollegin schenkt bei jeder Generalversammlung immer dieselbe kleine Flasche Wein aus dem Grosshandel. Alle wissen dies. Aber weil man sie kennt, wissen alle. dass das ihre Art zu danken, ohne den Verein durch Geschenkkosten zu sehr zu belasten. Hätte das ein anderer gemacht, wäre es ein Affront. Aber man kennt ihre Persönlichkeit und weiss um ihre Intention.
Schenken und Spenden – unverzichtbar!
Schenken ist etwas unglaublich Fundamentales in Bezug auf die Beziehungsfähigkeit und -gestaltung des Menschen. Wer schenkt oder gibt, riskiert – und bindet sich gleichzeitig, ebenso wie wenn man empfängt. Nicht zuletzt, weil man sich über Geschenke (ver)bindet, wirkt es auch so verletzend, wenn Geschenke zurückgegeben oder Spenden nicht gewürdigt werden.
Schenken macht uns Menschen zu Menschen. Es darf geübt werden, weil wir alles andere als ideal sind. Das rechte Mass muss immer wieder gefunden werden – sowohl beim Schenken als auch beim Empfangen. Denn in einer Welt, die zunehmend auf Deals reduziert wird, erinnert Spenden an die Pflicht des Helfens, und bildet Schenken das Fundament menschlicher Wärme und Verbindung.
Thomas Wallimann, Leiter «ethik22»
