Aus Altem Neues hervorbringen

«Altes ehren, Neues schaffen» ist ein Leitmotiv, das Tradition und Fortschritt verbindet. Es bedeutet, bewährte Werte, Wissen und Erschaffenes zu würdigen und zu bewahren, während man gleichzeitig eine Zukunft mit Offenheit für Wandel und Innovationen anstrebt. Neue, zeitgemässe Möglichkeiten bilden die Messlatte für eine ausgewogene Weiterentwicklung.

Waadtländer Saucisson mit Kartoffeln und Lauch

Sinngemäss zum Thema inspiriert mich die Geschichte, die ich kürzlich im aktuellen Antoniusheft von Josef Imbach gelesen habe: Was sie denn morgen Abend kochen solle, fragt Helen ihren Walti. «Ich hätte wieder mal Lust auf Waadtländer Saucisson mit Kartoffeln und Lauch», gibt er zur Antwort und fragt zugleich: «Sag mal, warum schneidest du an beiden Enden ein kleines Stück ab, bevor du die Wurst ins heisse Wasser legst?» «Das hat schon meine Mutter so gemacht.»

Diese kommt nach ein paar Tagen zu Besuch. Bei dieser Gelegenheit fragt Walti seine Schwiegermutter, weshalb sie die beiden Wurstenden vor dem Sieden jeweils abgeschnitten habe. «Das habe ich von meiner Mutter übernommen.» Jetzt interessiert sich plötzlich auch Helen für die Sache. Als sie ihre Oma ein paar Tage später im Seniorenheim besucht, erkundigt sie sich bei ihr, was es mit den abgeschnittenen Wurstenden auf sich habe. «Ach, du musst wissen, damals hatte ich nur den einen viel zu kleinen Topf. Unser Haushalt musste mit geringen Kosten funktionieren, denn es gab notwendigere Investitionen für unsere Familie als Töpfe anzuschaffen. Aber Hunger leiden mussten wir nie.»

Veränderung und Umstrukturierung

Die Geschichte erinnert, dass wir uns den gesellschaftlichen wie auch den privaten Situationen anpassen müssen. Was früher gut und nötig war, ist heute nicht unbedingt immer noch so. Veränderung und Umstrukturierung beschäftigen uns dauernd. Was einmal gut war, ist plötzlich ausserhalb des ideellen Tuns. Gestern war gestern, heute ist jetzt und morgen kommt morgen. Doch ohne Beachtung der Vergangenheit finden wir keine fortschrittliche Gestaltung der Zukunft. Hier sei ein Zitat vom ehemaligen Bundeskanzler Deutschlands, Helmut Kohl, hinzugefügt: «Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.»

Was bedeutet das für die über 126 Jahre bestehende KAB? Wir wissen schon seit Jahren: Es braucht einen Neuanfang oder zumindest eine Umstrukturierung, wir haben vielleicht zu lange schon über Träume und Visionen gesprochen, haben Rückschau gehalten und so unseren aktuellen Stand reflektiert. Wir haben mit dem Konzept «KAB Schweiz 2026plus» ein Ziel gesetzt, wie es weitergehen könnte. Was wollen wir von den letzten Jahrzehnten übernehmen? Und was von der neueren Zeit? Die letzten Jahre gleichen einer Achterbahnfahrt, denn mit Veränderungen kommen auch Altlasten ans Licht. Mitgliederschwund und vor allem der mit wenigen Ausnahmen ausbleibende Zuwachs an Frauen und Männern, die mitten im Leben stehen, reduzieren die Sorge um die Zukunft kaum.

Der Zwischenraum verunsichert

Wenn Altes geht und Neues entsteht, gibt es diesen «Zwischenraum», in dem das Alte nicht mehr funktioniert, das Neue aber noch nicht da ist. Dieser Raum verunsichert, macht Angst. Oft haben wir uns im Vorstand auch gefragt, ob und wie wir die KAB in die Zukunft führen können. In solchen Zeiten braucht es Mut, sich nicht beirren zu lassen, den Willen, weiterzugehen – und die Gelassenheit, manche Stimmen im Umfeld einfach auszublenden, und andere mit einzubeziehen.

Bei all dem gegenseitigen Austausch untereinander geben nicht zuletzt auch Gottvertrauen und die Bitte, von den Gaben des Heiligen Geistes erleuchtet zu werden die Zuversicht, den Prozess zum Gelingen zu führen ohne dabei müde zu werden.

Veränderungen sind Teil des Lebens: Wir durchlaufen verschiedene Lebensphasen wie Schule und Berufsleben, gründen vielleicht eine Familie oder gehen in Rente. Lebensphasen sind heute gesellschaftlich weniger stark vorgegeben als noch vor Jahrzehnten. Wir sind flexibler und offener für verschiedene Lebensentwürfe. Berufliche Veränderungen wie ein Jobwechsel oder ein Umzug und private Neuanfänge wie eine Auszeit oder eine Trennung werden heute von der Gesellschaft stärker akzeptiert. Die Freizeitgestaltung nimmt bei Alt und Jung mehr Raum ein als früher. Die Orientierung nach dem Sinn des Lebens wäre wichtiger denn je.

Die KAB und die Symbolik von Ostern

Was sagt mir jetzt die Geschichte mit dem zu kleinen Kochtopf? Die KAB braucht keinen grösseren Topf, um die Wurstenden nicht wegzuschneiden. Der herkömmliche «Topf», in dem die Werte der KAB geniessbar gestaltet wurden, kann durchaus bleiben. Es braucht einen neuen Inhalt mit den Zutaten und Gewürzen – so eine Art Eintopfgericht. Unsere Bewegung von heute und morgen soll alle Menschen ansprechen, die Orientierung für eine christliche Lebensgestaltung suchen, also nicht nur wie einst die damals notwendige Vereinigung der Arbeitnehmenden.

Was sagen mir die zentralen Aspekte von Ostern? Die Auferstehung Jesu Christi symbolisiert den Sieg des Lebens über den Tod, Hoffnung und einen Neuanfang. Also durchaus auch eine geschenkte Verheissung für die KAB!


Franz Dahinden, Co-Präsident KAB Schweiz