Elise Tama kennt den Norden Benins seit Kindesbeinen. «Die lokalen Gemeinschaften leben unter der ständigen Bedrohung der extremistischen Gruppen», sagt sie.
Elise Tama ist Geschäftsleiterin der Partnerorganisation AFVA von Brücke Le Pont im Norden Benins. Dort haben extremistische Gruppen starken Zulauf, regelmässig kommt es zu Angriffen in der Projektregion. Dies macht die Arbeit von AFVA und Brücke Le Pont im Rahmen des Karité-Projekts anspruchsvoller. Aber auch wichtiger.
Elise Tama, was passiert im Norden Benins?
Der Ursprung der Gewalt liegt in den Grenzgebieten zu Burkina Faso und Niger. Dort destabilisieren bewaffnete Gruppen die Region. Die Gruppen schüren Angst, fördern Misstrauen und Spannungen. Davon profitieren sie, denn gleichzeitig inszenieren sie sich als Beschützer der Bevölkerung. Dieser Kontext setzt unserem Projekt auch Grenzen. So verhindert die zunehmende Unsicherheit den Zugang zu einigen ländlichen Gebieten.
Was ist das Ziel des Projekts?
Das Projekt Karité fördert das Bewusstsein der Bevölkerung für die soziale, wirtschaftliche und ökologische Bedeutung der Karitébäume, stärkt die Sammlerinnen und Verarbeiterinnen durch Schulungen in ihren Kompetenzen und unterstützt die Wiederaufforstung sowie nachhaltige Produktionsmethoden. Derzeit profitieren rund 5000 Menschen in fünf Kommunen direkt vom Projekt, rund 3600 davon sind Frauen. Im Vergleich zum Jahr 2021 konnten die Projektteilnehmer:innen ihr Einkommen mehr als verdoppeln. Im vergangenen Jahr hat eine Kooperative des Projekts einen Grossauftrag erhalten: Für das Ernährungsprogramm der lokalen Schulkantinen können sie fünf Tonnen Karitébutter produzieren. Gleichzeitig fördert unser Projekt zudem den sozialen Zusammenhalt, indem auch stigmatisierte Gruppen daran teilnehmen und so der Austausch gefördert wird. Da spreche ich vor allem von den Peuls, eine Nomadengruppe, aber auch Geflüchteten.
Was bedeutet das Misstrauen in der Bevölkerung für die Projektarbeit?
Die lokalen Gemeinschaften leben unter der ständigen Bedrohung der extremistischen Gruppen. Die Menschen haben Angst, als Komplize des Staates oder der NGOs gesehen zu werden, weil sie Repressalien der Extremisten befürchten. Sie zögern deshalb, ihre Meinung frei zu äussern oder an Projekten teilzunehmen. Das erschwert es, an zuverlässige Informationen zu kommen. Fehlen diese, ist es anspruchsvoll, die am besten geeigneten Entscheidungen für das Projekt zu treffen. Weil wir aber in der Region gut verankert sind – unter anderem durch unser Netzwerk in der Lokalpolitik und die konsequente Förderung von Kooperativen im Projekt –, kommen wir trotzdem zu unseren Informationen.
Der Norden ist selbst für beninische Verhältnisse arm. Welchen Einfluss hat dies auf die Sicherheit?
Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung sind der Nährboden für Radikalisierung. Deshalb ist unser Projekt in diesem angespannten Sicherheitskontext so wichtig. Indem wir auf Einkommensförderung, professionelle Berufsausbildung insbesondere bei den Jugendlichen und die Verbesserung der Lebensgrundlagen gefährdeter Haushalte setzen, dämmen wir die Bereitschaft, zur Waffe zu greifen, stark ein.
Wie siehst du die Zukunft des Projekts?
Es wird wichtig sein, die gesellschaftliche und partizipative Dimension im Projekt weiter zu stärken. Die Menschen müssen aktiv dazu beitragen, Konflikte konstruktiv zu lösen. Das bedeutet auch, lokalen Meinungsführer*innen eine Schlüsselrolle im Projekt zu geben. So wollen wir mit dem Karité-Projekt nicht nur die sozioökonomische Position der Menschen – insbesondere von Frauen – stärken und zur Einkommensförderung in Familien beitragen. Wir leisten auch einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung der Radikalisierung vor Ort.
Interview: Pacal Studer, Brücke Le Pont