Demokratie lebt davon, dass Menschen unterschiedliche Meinungen äussern können.
Auch dieses Jahr verbrachten wir den Sommer bei meiner Schwiegermutter in Michigan im Nordosten der USA, nahe der Kanadisch-Amerikanischen Grenze. Wie jedes Jahr haben wir Arbeiten im und um ihr Haus erledigt, Ruhetage genossen und befreundete Menschen getroffen. Es war das erste Mal seit dem zweiten Amtsantritt von Donald Trump, dass ich in den USA war. Trotz Bedenken bin ich ohne Probleme ins Land gekommen, und doch spürt man Veränderungen.
Ausser dem Benzin hatte ich das Gefühl, dass das Leben teurer geworden ist – trotz für uns Schweizerinnen und Schweizer günstigem Wechselkurs. Am meisten bewegt mich aber etwas anderes: viele äussern sich im kleinen Kreis deutlich kritisch gegenüber den politischen Entwicklungen, doch sie scheuen sich gleichzeitig, dies öffentlich zu tun.
Was ist hier los? Was passiert gerade im Land der unbegrenzten Freiheiten? Es scheint, als ob die zufälligen Kontrollen und Verhaftungen US-amerikanischer Staatsbürger mit mittel- und südamerikanischem Hintergrund, die Verweigerung von Einreise für Menschen, selbst Wissenschaftler:innen aus asiatischen Ländern, ein Klima der Verunsicherung bis Angst geschaffen haben.
Ich frage mich aber auch: warum führen Menschen solche Anordnungen zur Kontrolle von Mitbürger:innen einfach so aus? Woher kommt dieses sich Unterordnen, das bis in die obersten politischen Kreise reicht – ob nun Republikaner oder Demokraten?
Milgram einst
In den 1960er Jahren hat der amerikanische Wissenschaftler Stanley Milgram ein bis heute berühmtes, wenn auch ethisch heikles Experiment gemacht. Testpersonen mussten unter Führung eines wissenschaftlichen Versuchsleiters im Rahmen eines Gedächtnisexperiments bei jedem Erinnerungsfehler Stromschläge verabreichen, denn die Annahme lautete, dass Strafe das Gedächtnis verbessert. Diese Stromschläge reichten von 15–450 Volt.
Die Versuchsleiter drängten dabei die Testpersonen jeweils weiterzumachen, wenn sie zögerten. Dabei wussten die Testpersonen nicht, dass die zu testende Person ein Schauspieler war und kein echter Strom floss. Denn Milgram ging es nicht um das Gedächtnis, sondern darum herauszufinden, wie gehorsam Menschen gegenüber Autoritäten sind, selbst wenn deren Befehle das Leben anderer Menschen gefährden. Dabei stellte sich heraus – was auch in vielen anderen Gegenden der Welt bestätigt wurde –, dass gut zwei Drittel aller Testpersonen «absoluten Gehorsam» leisteten, also bis zur höchsten Voltzahl gingen. Bis heute zeigt dieses Experiment, dass sehr viele Menschen dazu neigen, ohne Wenn und Aber Befehle einer Autorität auszuüben.
Milgram heute
Zum einen: Menschen müssen nicht böse sein, um schlimme Dinge zu tun. Zum zweiten: Es ist wichtig, rechtzeitig und früh kritische Fragen zu stellen, wenn scheinbar «Normales» von einem verlangt wird. Dies bedeutet, sich zu fragen, wer meine Autoritäten sind, wem ich vertraue und warum. Gute Autoritäten können mit kritischen Fragen umgehen, schlechte nicht. Und schliesslich ist es entscheidend, dass ich weiss, welche Werthaltungen mich und mein Handeln leiten. Was bedeutet etwa Nächstenliebe oder Solidarität ganz konkret? Wo gibt es für mich «rote Linien» und wie übe ich dies und bin im Gespräch darüber?
Natürlich braucht es Klugheit für die richtigen Entscheide, aber auch den Mut, diese dann umzusetzen. Dann kann es sein, dass für einmal Reden Gold ist.
Thomas Wallimann, Leiter «ethik22»