Wäre 2025 ein Wahljahr für National- und Ständerat, so fände unsere Generalversammlung vom 18. Oktober mitten im Wahlkampf statt. Ein Werbespot wie «Achtung Weichenstellung!» würde wohl links wie rechts Zustimmung finden, bedeutet doch Wählen nicht bloss Namen ankreuzen, sondern auch Entscheidung für eine Richtung.
Es ist wie bei den SBB. Ist der Zug einmal in Fahrt, kann das Bahngleis bis zur nächsten Weiche nicht gewechselt werden. Nähert sich dann eine Abzweigung, verlangsamt sich die Fahrt, bevor es – mit oder ohne Rattern und Schwanken – nach der Weiche wieder flott weitergeht. Die bevorstehende Generalversammlung ist eine solche Situation. Wir fahren auf Weichen zu. Ausweichen oder rückwärts fahren gehen nicht. Und es ist ungewiss, welches der Gleise zu einem guten Ziel führt. Aber Vorsicht: Es könnte ein Abstellgleis sein.
Die Situation ist, wie sie ist
Generalversammlungen gelten vielen als unattraktiv, ja langweilig. Dabei sind sie das «höchste Organ» jedes Vereins. Sie bestimmen über Ziel, Reisegepäck und die Personen im Führerstand. Jedes Mitglied hat das Recht, mitzuentscheiden, und ist auch mitverantwortlich für Wohl und Wehe der Organisation. Die Entwicklung der letzten Jahre in Sektionen und Verband ist bekannt. Sie wird von vielen als Abwärtsspirale wahrgenommen: Weniger Mitglieder – Rückzug langjähriger, verdienter Engagierter – weniger Aktivitäten – weniger Mittel – weniger Mitglieder – … Woran es liegen mag?
Wer die Verhältnisse in Gesellschaft und Kirche aufmerksam beobachtet, kann viele Gründe erkennen. Ein bisher wenig vertiefter Gedanke ist, dass die gewohnte «Lebensform der KAB», die Sektion «aus der Zeit gefallen» erscheint. Die sie tragenden sozialen und kirchlichen Voraussetzungen bestehen nicht mehr. Ausnahmen bestätigen die Regel. Vorstandsteams, die trotz widrigen Umständen vital unterwegs sind, haben unsere grosse Anerkennung!
KAB ganz anders
Doch: Unsere Werte als Christliche Sozialbewegung KAB können auch ganz anders als in der bisherigen Form «Sektion» gelebt werden. Hier setzt das «Konzept KAB Schweiz 2026 plus» ein. Es zielt auf ein Netzwerk von Menschen, die sich von den Grundgedanken der KAB ansprechen lassen und sich in unterschiedlicher Art beteiligen. In der ganzen Deutschschweiz, in Stadt und Land. Die Arbeitsgruppe «Wandlungsstrategie» hat in viel Kleinarbeit zusammengetragen, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit der Aufbau eines Netzwerks gelingt. Erfolgsgarantie gibt es keine, aber das Wagnis, die Weiche in Richtung «Neuorientierung Netzwerk» zu stellen, lohnt sich auf jeden Fall. Um Missverständnisse zu vermeiden: Sektionen, die weiter aktiv sind, schätzen wir sehr. Ihre Erfahrung aus jahrzehntelanger Basisarbeit ist wertvoll.

Lebenswichtige Voraussetzungen
Zuoberst stehen die personellen (freiwilliges Engagement) und finanziellen Ressourcen. Sie sind die Grundlagen unserer praktischen Existenz. Sodann ist unsere ideelle Ausrichtung prägnant herüberzubringen (Was will die KAB?), ebenso die Art und der Inhalt unserer Aktivitäten (Was bieten und tun die eigentlich?). Schliesslich braucht es einen Aktionsplan zur Basisverbreiterung, eine Vereinbarung mit «ethik22» für die gute Zusammenarbeit sowie Klarheit über unsere Mitträgerschaft von Brücke Le pont. Im Konzept bleibt’s nicht bei der Aufzählung von neun Zielen. Für jede zu erfüllende Voraussetzung liegen mehrere «nicht unrealistische» Vorschläge vor. Im Jahresbericht werden sie ausführlich dargestellt und an der Versammlung präsentiert.

Zumutungen?
Aktuelle Knackpunkte sind unsere viel zu knappen personellen und finanziellen Mittel für die Neuausrichtung. Ist es unverschämt, wenn wir uns wünschen, dass sich Freiwillige (auch 65plus) für Vorstand und andere Verbandsaufgaben – zeitlich beschränkt – zur Verfügung stellen? Dürfen wir auf die Spendebereitschaft von Sektionen, Mitgliedern und Freunden hoffen? Selbst bei Verzicht auf die Umgestaltung könnte uns Ende 2026 der finanzielle Schnauf ausgehen. Der Jahresbericht legt die Zahlen offen.

«Werte im Politalltag»
Unsere Versammlung beschränkt sich nicht – auch das ist KAB-Tradition – auf interne Geschäfte und die nötige Auseinandersetzung mit der eigenen Zukunft. Das Podiumsgespräch unter der Leitung von Thomas Wallimann mit den Politprofis Nationalrätin Maya Bally, Die Mitte, und dem Aargauer Landamman Dieter Egli, SP wird gut geerdet sein. Es könnte eine Art Praxistest unserer gesellschaftspolitischen Vorstellungen werden.
Auf nach Lenzburg!
An der GV vom 18. Oktober werden so oder so Weichen gestellt. Die Einladung richtet sich nicht nur an Einzelmitglieder und Delegierte aus den Sektionen. Weitere Interessierte, Freunde und Ehemalige sind sehr willkommen. Auch ihre Meinung ist wichtig und wird gehört. Im Voraus herzlichen Dank für jedes Mitdenken und Mittragen unseres Zukunftsplans.

Norbert Ackermann, Co-Präsident KAB Schweiz