Der Name des neuen Papstes weckt Erinnerungen und zeigt, dass die Kirche sich politisch versteht.
Leo XIV! Der Name des neuen Papstes überraschte mich und im gleichen Moment war ich auch froh. Denn seit Johannes Paul I wurde jeder Papstname auch als Programm verstanden.
Wer aber ist Leo? Da gibt es Leo den Grossen im 5. Jahrhundert, und dessen Theologie bis heute wirkt, nämlich die sog. Zwei-Naturen-Lehre, dass Jesus «wahrer Mensch und wahrer Gott» ist – ein zentrales Dogma christlichen Glaubens. Doch Leo I, später heiliggesprochen, war auch ein Organisator der Kirche, indem er den römischen Bischof zum Oberhaupt aller Bischöfe machte. Politisch bleibt er in Erinnerung, weil er den mordenden Hunnen und Vandalen mutig entgegentrat.
Nicht so sehr Leo der Grosse, sondern Leo XIII wurde nach der Papstwahl in den Vordergrund gerückt. Leo XIII ist gerade für die KAB kein Unbekannter, und wir haben ja im letzten Jahr unser Jubiläumsspiel nach ihm benannt! Leo XIII war 25 Jahre lang Papst und ist für die Zukunft der Katholischen Kirche bedeutend, nicht nur wegen der sozial-politischen Botschaft.
Die Geister, die er rief …
Für die KAB ist klar, dass Leo XIII mit Rerum Novarum 1891 den Grundstein für die Soziallehre, aber auch unser Engagement und unsere Bewegung gelegt hat. Die Forderung nach einer sich am Gemeinwohl orientierenden Wirtschaft, die Absage an einen reinen Kapitalismus wie Sozialismus und vor allem die Ermutigung, sich als Arbeitende selber zu organisieren, bleiben bis heute wichtig. Zu Beginn haben sich die Arbeitenden ja lediglich für ihre eigenen Angelegenheiten in der Arbeitswelt stark gemacht, doch bald kann man sehen, dass diese Selbstorganisation, das Anwenden des später entwickelten Sehen-Urteilen-Handeln auch innerkirchlich zu wirken begann. Bald wurden die Arbeiterpriester, die nahe bei den Menschen waren, ein Miteinander im Kirche-sein lebten und feierten, zum grossen Problem für die Hierarchie. Es brauchte noch ein paar Jahrzehnte, bis das Konzil vor 60 Jahren diese Entwicklungen als gut und richtig bezeichnete … und es brauchte noch einmal mehr als ein halbes Jahrhundert, bis unter dem Stichwort Synodalität Themen in der Katholischen Kirche wieder diskutiert werden, die für die katholischen Arbeiterinnen und Arbeiter schon vor 100 Jahren eine Selbstverständlichkeit darstellten!
Politische Kirche
Doch Leo XIII setzte auch Akzente in der damaligen europäischen Politik – gerade auch weil der Vatikan keine politische (Staats)Macht mehr war. So versuchte Leo XIII nicht nur zu vermitteln, sondern stellte sich zum Beispiel auch öffentlich gegen die Sklaverei. Der Vatikan wurde mit Leo XIII erstmals in der Moderne zu einer Art «moralischem Weltgewissen».
… und der «neue» Leo – der XIV?
Wer Namen interpretiert und aus der Geschichte das Programm für heute und morgen ablesen will, muss sich bewusst sein, dass er in vielem eigene Wünsche in den Namen «Leo» wie auch den neuen Papst hineininterpretiert. Das mache ich auch in diesem Artikel. Warum ich das so mache? Weil ich überzeugt bin, dass sich christlicher Glaube und Katholisch sein nicht auf das Privat-persönliche reduzieren lassen, sondern öffentlich Wirkung erzielen wollen – als Beitrag zu einer gerechteren Welt, in der Nutzen und Lasten angemessen verteilt sind, und es wirklich allen Menschen gut geht! Leo XIV kann also seinem Namen nur gerecht werden, wenn auch wir uns dafür einsetzen, was «Leo» heute bedeuten kann.
Thomas Wallimann, Leiter «ethik22»